TED, Kindertransporte und Flüchtlingskinder

Gestatten Sie das ist mein TED. Meine alte WG hat ihn mir letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt und seit dem ist er mein treuer Teddy. Er dient mir als Kopfkissen, Model und Haustier-Ersatz. Mein TED ist geduldig, auch wenn ich ihn mal fallen lasse. Er sieht seine größte Aufgabe darin kuschelig zu sein. Bei meinem letzten Umzug habe ich TED auf die Kiste auf dem Beifahrersitz platziert und angeschnallt. Komischerweise hat das andere Autofahrer angeregt uns ziemlich böse anzuschauen. Haben die etwa nicht den Kinofilm gesehen? Obwohl mein TED da ganz anders ist. Er macht keine Partys wenn ich abends unterwegs bin. Er benutzt überhaupt keine Kraftausdrücke. Er muss nicht beweisen, dass er genauso gut ist wie ein echter Mensch, mitnichten, er ist ganz stolz ein originaler Teddy zu sein. Waschbar ist er auch und deshalb riecht er so angenehm.

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ein Teddy erlebt die Kindertransporte

Teddybären waren lange aus der Mode gekommen, auch für mich, bis mir während des Abiturs ein Flyer zu Kindertransporten in die Hände fiel. Auf einem dieser Flyer war ein klassischer Teddybär mit langen Armen abgebildet. Er war nass und sah traurig aus. Genau so einen Teddy habe ich lange gesucht, doch nie gefunden. Der Verkäufer im Spielwarenladen am Römer wurde ganz betroffen, als ich erwähnte wo ich den Bären sah und selbst dort habe ich nicht einen einzigen Bären gefunden, der dem auf dem Flyer ähnlich sah.

Vielleicht liegt das auch daran, was dieser kleine nasse Bär alles erlebt hat. Zwischen 1938 und 1940 haben zwei kleine Ärmchen diesen Teddybären umklammert und Tränen kullerten auf das Kuscheltier. 9.000 – 10.000 Kinderflüchtlinge flohen nach der Reichskristallnacht am 9./10. November 1938 in eine ungewisse Zukunft. Sie suchten Zuflucht in Großbritannien, das die Immigration für jüdische Flüchtlinge erleichtert hatte. Hunderte Züge mit Fahrgästen im Alter von vier Monaten bis 17 Jahren verließen die Bahnhöfe in Deutschland, Österreich, Tschechien und Polen. Viele der Kinder sahen ihre Familien nie wieder. Der Abschied am Bahnhof blieb ihre letzte Erinnerung.

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ein Zeitzeuge schildert den Abschied

Norbert Wollheim überlebte Auschwitz. Er hat Jura studiert und als Sozialarbeiter in Berlin gearbeitet. Er hat bei der Kindertransport Aktion mitgearbeitet. Am Bahnhof hatte er für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Die Trennung der Kinder von ihren Familien beschreibt er so:

“Es war eine außergewöhnliche Atmosphäre. Es gab Gelächter, es gab Tränen und Mütter gaben ihren Kindern Ratschläge. Die Polizisten bestanden darauf, dass Eltern ihre Kinder nicht zu den Gleisen begleiten dürfen, weil es dann Schwierigkeiten gäbe. Sie bestanden darauf, dass der Abschied in der Öffentlichkeit geschah. Wenn die Abfahrtszeit näher kam stieg ich auf einen Stuhl und sagte den Eltern, dass unter der strengen Anordnung der Polizei nur die Kinder zu den Gleisen gebracht werden dürfen, während die Eltern bleiben müssen. Ich bat sie um Kooperation und Verständnis, da nur ihr Verhalten die Kontinuität dieser [Rettungs-] Aktion gewährt. Also verabschiedeten sich die Eltern und es gab wieder Gelächter und Tränen und eine letzte Umarmung.

Im Nachhinein wenn ich mich frage: “Wie habe ich den Mut gehabt das den Eltern zu sagen?”, kann ich nur antworten, wir wussten es nicht und wir konnten es nicht vorhersehen. Wir konnten nicht vermuten, dass es für viele oder die meisten der letzte Abschied war, dass die meisten dieser Kinder ihre Eltern nie wieder sehen würden.”

Für die Kindertransporte wurden Kinder bevorzugt deren Eltern sich in einem Konzentrationslager befanden, sowie Waisen und obdachlose Kinder. Am 2. Dezember 1938 kam der erste Kindertransport in Harwich an. Es waren 200 Kinder aus einem jüdischen Waisenhaus in Berlin. Das Waisenhaus wurde in der Kristallnacht zerstört.

Foto: Amber Clay
Foto: Amber Clay

Flüchtlingskinder haben es nicht leicht

Die jüdischen Flüchtlingskinder von damals kannten kaum die Sprache und Kultur ihres Aufnahmelands. Sie hatten es genauso schwer wie die Flüchtlingskinder aus Afghanistan, Syrien und Eritrea die heute in die EU flüchten. Ein Drittel aller Flüchtlinge die nach Deutschland einreisen sind Kinder und Jugendliche. Mehr als 170.000 Flüchtlingskinder kamen 2014 nach Deutschland. Diese Kinder finden in Politik, Verwaltung, Medien und der breiten Öffentlichkeit kaum Beachtung.

Flüchtlingskinder werden wie der Anhang ihrer Eltern betrachtet, statt als eigenständige Persönlichkeiten mit Rechten und kinderspezifischen Bedürfnissen. Manche dieser Kinder sind nicht alphabetisiert. Viele sind traumatisiert. Schuldirektorin der Johannesschule in Erfurt Sabine Iffarth berichtet Spiegel Online Schulspiegel von Kindern, die zur Abschiebung von Polizisten aus der Schule geholt werden und von einem Kind in Kirchenasyl. Eine Mutter saß jeden Tag neben ihrem Kind in der Schule, weil das Kind panische Angst bekam sobald die Schulglocke ertönte oder etwas krachte.

Weitere Links

http://www.ushmm.org/wlc/en/article.php?ModuleId=10005260 letzter Zugriff am 28. Juni 2015

http://www.ushmm.org/wlc/en/media_oi.php?ModuleId=10005260&MediaId=2489 letzter Zugriff am 28. Juni 2015

http://www.spiegel.de/schulspiegel/wie-fluechtlingskinder-in-der-schule-deutsch-lernen-a-1026411.html letzter Zugriff am 28. Juni 2015

http://www.unicef.de/blob/56282/fa13c2eefcd41dfca5d89d44c72e72e3/fluechtlingskinder-in-deutschland-unicef-studie-2014-data.pdf letzter Zugriff am 28. Juni 2015

 

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2 thoughts on “TED, Kindertransporte und Flüchtlingskinder

  1. Danke für diesen tollen Artikel. Auch wenn das Thema nur kurz angerissen wird, hast du gerade das sehr gut gemacht und mein Interesse an dem Thema geweckt. Das hat mir eine völlig neue Sicht auf die Lage der Flüchtlingskinder gebracht, von der ich bisher leider nichts wusste.

    1. mervekadayifci July 12, 2015 — 2:27 pm

      Hi merxuu,

      Danke für diesen freundlichen und kompetenten Kommentar. Die letzten zwei Wochen waren nur so vollgestopft mit Referaten und Prüfungen. Da blieb kaum Zeit für meinen Blog übrig. Den Zeitdruck merkt man dem Text an, nicht wahr? Für einen kleinen Anriss reicht’s zwar, aber ich möchte mich diesem besonderen Thema intensiver widmen. Viel Spaß in den Staaten!

      LG Merve 🙂

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