Frischer, Kesser, Besser Online 2015

Ob Redaktionsbesuche, Workshops, Präsentationen oder Gespräche, das Programm quoll nur so über mit Wissenswertem zum Journalismus. Diese Veranstaltung sollten alle Journalist*innen und Blogger*innen besuchen, die was auf sich halten. Das Programm ist auf mehrere Schienen aufgeteilt, ein Zeichen für die lange Erfahrung der Organisatoren mit dieser Veranstaltungsreihe. Daher haben alle Teilnehmer*innen an einer individuellen Auswahl teilgenommen. “Schade, dass man sich nicht teilen kann”, beklagten viele. Mit dem Redaktionsbesuch beim Deutschlandradio am Freitag begann für mich die Veranstaltung.

Der erste Tagespunkt waren Stipp-Visiten im riesigen Funkhaus. Im Vergleich zum hr-Radio in Frankfurt verfügt das Deutschlandradio über mehr Räumlichkeiten. Kein Wunder bei den vielen Etagen. Das hr hatte allerdings vor Kurzem seine Studios erneuert, mit höhenverstellbaren Studiotischen und Scheiben in futuristisch anmutenden Formen. Vermutlich sind beide Studios technisch gleichermaßen gut ausgestattet.

Dr. Bertolaso: “Jungen Leuten wird keine Chance gegeben”

Anschließend wurde das Onlineangebot des Deutschlandradios vorgestellt und es gab Raum für Diskussionen. Es ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob erfolgreiche Medienanbieter eine profilierte Meinung, im Stil von Anja Reschke, anbieten oder eine angenehme, den Exzessen vorbeugende Kultur der Berichterstattung bevorzugen sollten. Vor allem junge Teilnehmer*innen freuten sich. Denn Dr. Marco Bertolaso gab seiner Verwunderung darüber Ausdruck, dass man junge Leute in den Medien nicht fördert:

“Ich bin erschreckt, dass jungen Leuten keine Chance gegeben wird. Diese müssen sich erst noch etablieren.”

Von Kutschenbauern und Verlegern

Bereits zu Beginn erlebten die Teilnehmer ein Highlight. Die Keynote von Hansi Voigt, Mitbegründer und Chefredakteur von Watson.ch, war so überzeugend wie humorvoll. Über die Digitalisierung in den Medien sagte er:

“Kein einziger Kutschenbauer hat es geschafft in den Autokarosseriebau. Geschweige denn eine Autobaufirma zu werden. Und ich glaube da sind wir in den Verlagshäusern in dieser Situation.”

Halbherzige Lösungen sind wenig hilfreich, um mit der Entwicklung Schritt zu halten. Gefragt sind gute Ideen, denn es ist Gründerzeit. Informationen kann man genauso gut mit einer positiven Berichterstattung bringen. Hansi Voigt plädierte für den construcive journalism: “Wenn’s negativ ist, dann ist es irgendwie Journalismus. Das dachten wir früher”. Hansi Voigt behielt die Aufmerksamkeit der Menge bis zur letzten Minute bei, ein Kunststück. Wenn er noch eine Stunde weiter gesprochen hätte, das Publikum würde schweigend zuhören.

Deine Meinung gehört Dir

Die Diskussion über den Meinungsjournalismus mit Prof. Dr. Marlis Prinzing von der Macromedia Hochschule und Manuel Möglich von VICE zu besuchen war eine spontane Idee. Nach aufmerksamer Beobachtung der beiden Diskutanten, kam ich zu dem Entschluss, dass es zwischen den beiden wohl zu keiner kritischen Frage kommen wird. Schon vor Beginn der Sitzung führten sie kameradschaftlichen Smalltalk. Fast verzweifelt suchte ich nach den leisesten Anzeichen, die auf diskussionsfreudige Meinungsunterschiede weisen. Doch der Tenor blieb bei Friede und Freude und Eierkuchen. Dies änderte sich auch während der Diskussion nicht. Beide Diskutanten pflegten dieselben Ansichten.

Mir kamen im Laufe der Diskussion immer mehr Fragen in den Sinn, den anderen Teilnehmern auch. Irgendwann bekam ich das Gefühl, dass ich nicht zum Zug komme und dann schoss es aus mir heraus:

“Ich will jetzt auch mal eine Frage stellen! Dass es so viel Meinungsjournalismus gibt, ist gar nicht schlimm. Wenn ich die Meinung von jemand anderem lese, denke ich mir oft: “Deine Meinung gehört Dir.” Ich find’s echt toll, dass es VICE auch in Deutschland gibt. Ich feier das, aber manchmal kommen Dinge, da fühle ich mich komisch. In einem Beitrag beispielsweise hieß es, es sei schlecht Schwanger zu sein, weil 10-20% der Frauen nach der Entbindung an einer Schwangerschaftsdepression leiden. Das ist nicht repräsentativ. Da merkt man ja, das [die Statistik] ist in den Text hinein gezwängt worden, damit es der Meinung dient. Oder ein anderer Beitrag: Ein Mann erzählt im Interview von seinem Vater. Der hatte seinem Sohn gedroht die Hand abzuhacken, weil er geklaut haut. Und der Sohn sagt dem Interviewer:”Ja, das ist nun mal so bei unserem Volk.” Ich meine wie lässt das den Leser zurück? Unten wurden Dinge angesprochen wie constructive journalism. Kann VICE mit der Verantwortung umgehen, die der Journalismus mit sich bringt?”

So toll waren die Teilnehmer!

Im Nachhinein habe ich mich gewundert, dass ich so viel gesagt habe. Man kann es für feige halten, man kann es für ausgekocht halten, aber Manuel Möglich von VICE ignorierte meine Frage. Ich war froh, dass ein paar andere Teilnehmer in ihren genauso kritischen Fragen Facetten aufgriffen, die mir ebenfalls am Herzen lagen. Das liebe ich so sehr am Journalismus. Man kann die Leute ungeachtet ihrer Position fragen. Da zählen nicht Einkommen oder Ansehen, sondern die Fakten. Doch manche mögen kritische Fragen nicht und greifen dann zu unlauteren oder sogar zu gewalttätigen Methoden. Die wirklich gescheiten Leute bleiben ehrlich, sind wortgewandt und gewinnen Sympathien.

Es kam zu Antworten, ob sie befriedigend sind steht auf einem anderen Blatt. Mündige Leser, die gut informiert sind und jeden Kniff durchschauen, gibt es viel zu selten. Zumal bei VICE auch mal Interviews als “tolle Artikel” in den Kommentaren gelobt werden. Zu sagen, dass man keine Weltsicht ausklammern möchte klingt idealistisch, ist aber nicht haltbar. Rassismus und Sexismus sind auch Weltsichten, also darf man diese auch nicht ausklammern? Dann doch lieber ein nüchterner und differenzierter Gonzojournalismus.

Abschließend lässt sich sagen: Diese Veranstaltungsreihe ist wirklich gut gelungen, sicher auch aufgrund der langjährigen Erfahrung die dahinter steckt. Den Zeitplan, mit Puffern zwischen durch, sollten wir unbedingt für die nächste Denkerinnen Veranstaltung mitbedenken. Man bekommt bei Besser Online die seltene Möglichkeit sich mit klugen Köpfen auszutauschen, lernt freundliche Kollegen kennen und geht mit vielen Info’s und frischer Motivation nach Hause. Toll war auch der Stand von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Seien Sie und Du nicht betrübt, nächstes Jahr folgt der nächste Teil von Besser Online!

Hier finden Sie und findet Ihr weitere Info’s:

Die offizielle Seite der Veranstaltung mit dem kompletten Programm ist hier.

Eine Dokumentation der Veranstaltung mit der kompletten Keynote von Hansi Voigt findet sich hier.

Die Twitter Presseschau zu #djvbo gibt es hier.

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