Urlaub im Putsch-Land

In diesem Land las ich zum ersten Mal “Für wen läuten die Glocken?” von Ernest Hemingway. In diesem Land frage ich zum ersten Mal”Für wen läuten die Sela?”. Gestern Abend wurde in der Türkei kurz vor Mitternacht der Putsch ausgerufen. Das Internet wurde unendlich langsam. Keine türkische Nachrichtenseite ließ sich öffnen. Wir lasen bei Welt.de und Zeit.de von den Geschehnissen. Sprächen wir kein deutsch, dann hätten wir uns nicht informieren können.

Wir waren zu Gast bei Verwandten. Verunsichert suchten wir gleich den Heimweg auf. Die Straßen waren voll, übervoll, einfach überfüllt. Wirklich jeder ging hinaus. Die Leute schrien, hupten und rasten mit dem Auto durch jede noch so enge Gasse. Es lärmte bis tief in die Nacht. Manche suchten die Moscheen auf und beteten stundenlang. Begleitet wurde das alles von den Sela, dem islamischen Abschiedslied an Verstorbene. Ohne Unterbrechung wurde es immer wieder abgespielt. Ein ganzes Land spielt verrückt oder Theater.

Einmal Mitmachpolitik à la carte bitte! 

“Der Geist des Nationalkampfs ist wieder erwacht!” jubeln manche auf Social Media Plattformen. Nationalkampf? Gegen wen denn? Wofür? War das nicht zuletzt im ersten Weltkrieg? Genau da ist die Zeit für dieses Land stehen geblieben. Damals als das Osmanische Reich den ersten Weltkrieg verloren und die Türkei als eine demokratische Republik gegründet wurde, fing eine Identitätssuche an, die bis heute nicht enden will. Seit dem ringt das Land mal um eine europäische, mal um eine islamische Identität, vergebens. So gut wie alle Bürger waren gestern Nacht auf den Straßen. Der Nationalkampf wird mit demokratischen Werten verbunden. Ist kämpfen demokratisch? Es hätte einen Bürgerkrieg geben können.

Doch die meisten sind jetzt stolz, denn sie haben gekämpft. Päsenz gezeigt und damit gegen den Putsch gekämpft. Sie haben jeder einzeln mitgemacht und ihren Beitrag geleistet. Das gibt ihnen das Gefühl die Demokratie geschützt zu haben, ein tolles Gefühl, und bindet sie noch stärker an die Regierung. Positive Kognition. Denn eine demokratische Regierung, Nein, jede Regierungsform ist allemal besser als ein Militärstaat. Auch das musste dieses Land schon viel zu oft mitmachen.

Ich habe ehrlich gesagt noch nie einen Putsch erlebt. Aber bei Ryszard Kapuscinski kann man nachlesen, dass so etwas gar nicht angenehm ist. In “Afrikanisches Fieber” schreibt er, dass bei einem Putsch sämtliche Politiker grausam ermordet werden. Ohne Vorankündigung und ohne vorangehende Erklärungen in staatlichen Medienorganen. Heute ist alles normal. Die Leute gehen arbeiten. Kinder spiele auf den Straßen und Katzenbabys lümmeln im Schatten. Etwa stündlich tönt das Sela vom Minarett. Und vielleicht läutet es für die verlorene Identät? Das reflexive Denken? 

 

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2 thoughts on “Urlaub im Putsch-Land

  1. Tatsächlich ist so ein Putsch etwas unglaublich rückschrittliches, undemokratisches und in diesem Fall hat der Putsch leider dem Erdogan sehr genützt.
    LG Sabienes

    1. Huhu Sabine, die Frage, die sich für mich stellt ist: “Wie kann man so schnell 6.000 schuldige finden und entlassen?” Das geht doch nur, wenn Namenslisten in der Schublade liegen hat. Wenn man solche Listen in der Schublade liegen hat, dann rechnet man schon mit einem solchen Ereignis oder hat es vielleicht gar selbst als Mittel zum Zweck mit initiiert. ……. Aber das sind ja nur theoretische Gedankenspiele , denn wir wollen ja nicht demokratische Länder, in denen die Menschenrechte geächtet …. äh …. geachtet werden schlecht machen ….

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