Lügenpresse oder Hetzblatt?

“Schandfleck” nennt ein Kommentar die Kinderarmut. Das ist richtig und vor allem gut platziert. Ein Akt der Zustimmung, der den Leser genau da abholt wo er ist, bei der Entrüstung. Darauf folgen zwei Prognosen. Das Schlagwort “Problemdruck” führt die “Flüchtlingskrise” ein. Die zweite Prognose ist, dass es künftig unmöglich werde die Kinderarmut zu bekämpfen, weil es Flüchtlinge gibt. In mehreren Absätzen folgen emotionale Ausbrüche, darüber wie schlecht die Kinderarmut ist und, dass man nichts über Kinderarmut weiß. Es gibt Schwierigkeiten bei der statistischen Erhebung und das gilt für alle gesellschaftlichen Gruppen, nicht allein für die Kinderarmut. Beseitigen kann man Unwissen ganz schnell, wenn man wollte, indem man einmal durch den sozialen Brennpunkt, manche nennen es Ghetto, seiner Stadt spaziert und Leute anspricht. Statt vom Schreibtisch aus zu schreiben.

Die Folgen der Armut sind sichtbar

Die Folgen der Armut sind sichtbar und da kann man ansetzen. Ich habe ehrenamtlich Schüler unterrichtet und gemerkt, dass den Kindern oft auch die Aufmerksamkeit fehlt. In nur einem Halbjahr können sie sich um drei Noten verbessern, wenn man sich um sie kümmert. Außerdem liegen Schwierigkeiten im richtigen pädagogischen Verhalten der Eltern, die selbst mit Problemen wie Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben. Das alles hätte man im Kommentar diskutieren können, statt blind zu postulieren. Dann könnte die Meinende nämlich davon erzählen, dass es mal kein Butterbrot in der Schule gibt. Dass manche Kinder nicht mehr als einmal in der Woche duschen können. Und auch, dass die Kleidung abgetragen ist und keiner bei den Hausaufgaben hilft. Aber wahrscheinlich weiß sie das gar nicht oder sie findet es nicht erwähnenswert?

“Die” und “Wir”

Die Meinende stellt die Flüchtlinge an den Pranger und das finde ich in diesem Fall besonders perfide, weil Kinderarmut ein empfindliches Thema ist, dass uns alle berührt. Weil es ein “die” und “wir” suggeriert und das ist keine ausgewogene Meinung mehr, das ist ideologisch. Die Anschauung, dass Einwanderer für alles Schlechte verantwortlich sind, gibt es bereits in der radikalen Ecke. In diesem Rahmen müssen sich manche Medienhäuser auch die Frage gefallen lassen: Was unterscheidet sie von den Hetzblättern der rechten Seite, wenn sie dieselben radikalen Meinungen veröffentlichen? 

Der Text benennt Flüchtlinge an zwei wichtigen Stellen: am Anfang und am Ende. Ein stilistisch geschlossener Kreis suggeriert eine Verbindung, die es nicht oder nur indirekt gibt. Am Stammtisch kann man mit so etwas punkten. Und auch viele Verschwörungstheoretiker lieben dieses Mittel. Es verleiht dem Meinungsträger die Aura des Durchblickenden. In der (Rechts-) Radikalen Szene kommt diese Rolle meist den Herren zu. Frauen dürfen die besorgten Klageweiber spielen. Wenn die Verbindung so abwegig ist, wie in diesem Fall, scheint die Verzerrung durch.

Wer den Schandfleck-Kommentar liest, denkt: Sowas kann ich auch schreiben. Spätestens als sich der Text als ein Wutausbruch outet, fühlt man sich betrogen. Leser erhalten keine neuen Informationen, keine neue Sichtweise und keinen neuen Lösungsansatz. Druck auf Väter ausbauen? Immer diese Angstpolitik. Das Lied von der Abkehr des Gießkannen-Prinzips verklingt in einem Nebensatz des Kommentars, welches ohnehin eher einem Klagelied entspricht.

Kinderarmut – ein Dauerbrenner

Kinderarmut ist ein Thema, dass immer wieder in die Nachrichten kommt und immer wieder vergessen wird. Die Zahl bleibt dabei, leider, relativ Konstant. Als ich 2000 an einem Schüleprojekt zum Thema teilnahm, betrug die Zahl der Kinder in Armut 2,1 Mio. Damals hat man Empfänger von Arbeitslosengeld beschuldigt. Heute schiebt man den Flüchtlingen die Schuld in die Schuhe und übersieht, dass Kinderarmut seit Jahrzehnten nicht bekämpft wird.

In diesem Sinne hat der Kommentar keinen Mehrwert. Er bietet Emotionen statt Fakten. Emotionen kann man sehr wohl in einem Meinungsbild benutzen, aber nicht als einzige Komponente. Die Verbindung zwischen der Flüchtlingskrise und Kinderarmut ist willkürlich gewählt. Zudem wirkt er geistlos und das hat zwei Gründe. Erstens erklärt die Meinungsträgerin immer und immer wider, was der Leser bereits weiß. (Wir sind doch nicht dumm!) Zweitens gibt der Text vor sich um Kinder in Armut zu sorgen, ohne sich ihnen zu nähern.

Lügenpresse oder Hetzblatt?

Weder noch. Flapsige Texte kann jeder schreiben. Und ein Fauxpas macht noch keinen zur Lügenpresse, ohnehin ein widerliches Wort. Aber es schadet erheblich dem Leserverhältnis. Ich möchte als Leserin vertrauen können und nicht Zeit und Energie auf inhaltsleere und ideologisch geladene Texte verschwenden. Es ist gewissermaßen unehrlich wenn Texte suggerieren was nicht ist und damit Konfliktpotential fördern. Das zeigt auch, wie wenig Bewusstsein für die Folgen der Berichterstattung in einem Medienunternehmen herrscht.

Die Anschläge auf Flüchtlingsheime haben sich im letzten Jahr verfünffacht. Es waren insgesamt 1005 Anschläge. “Die Sicherheitsbehörden sind alarmiert – auch, weil nicht nur radikale Rechte zur Gewalt greifen”, heißt es im SPIEGEL. Und in der sächsischen Stadt Bauzen haben sich vor wenigen Tagen 100 Menschen geprügelt. Es waren Rechtsradikale und Asylbewerber. Das Gewaltpotential ist enorm. Die Gewalt kann unkontrollierbar eskalieren, wenn die Medien weiterhin Öl ins Feuer gießen, wie es rechtsradikale Hetzseiten auch tun.

Manche reagieren mit eben diesen radikalen Texten auf Lügenpresse-Rufer und verlieren drei Mal. Zum Ersten, weil jemand der Lügenpresse ruft, nicht in den Dialog treten will. Das eigentliche Ziel ist die Platzierung der rechtsradikalen Nischenmedien als die ehrliche Alternative. Eine ziemlich fiese PR. Zum Zweiten stärkt es die Glaubwürdigkeit der rechtsradikalen Seiten, wenn sich dieselbe Meinung im Mainstream finden lässt. Das sichert den Platz rechtsradikaler Medien. Eine Meinung ist nicht heilig, sie ist diskutabel. Zum Dritten verliert man das Vertrauen von Lesern mit und ohne Migrationshintergrund.

Anmerkungen der Autorin:

Als aktiver Medienkonsument bilde ich mir eine kritische Meinung dazu. In diesem Kommentar geht es mir darum zu zeigen, wie man mit einem Kommentar wissend oder unwissend Konflikte anheizen kann. Außerdem möchte ich als Leserin wahr und ernst genommen werden. Ja, die Wortwahl “Text” ist eine bewusst, mit Unterton, gewählte.

Beitragsbild: www.pixabay.com CCO Web 2.0 by MichaelGaida

http://www.deutschlandfunk.de/kinderarmut-in-deutschland-schandfleck-in-einem-reichen-land.720.de.html?dram:article_id=365682

 

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close