Belki başka bir ZAMAN – Nachruf auf eine Zeitung

To the happy few, so pflegte Stendhal seine Werke einer kleinen aber besonderen Leserschaft zu widmen. Auch die ZAMAN wurde von einer erlesenen Minderheit gelesen. Heute ist der erste Tag ohne die ZAMAN. Die Zeitung wurde ihrer Leserschaft gewaltsam entrissen. In meinem persönlichen Beitragsplan waren eigentlich nur ein paar Absätze für die türkische Tageszeitung geplant, als Teil einer Übersicht über die türkische Presse in Deutschland. Doch die Umstände fordern etwas anderes. Eigentlich steht ein Nachruf in der Zeitung für eine verstorbene Person. Dieser Nachruf gilt einer Zeitung und steht in einem Blog, digital für die Ewigkeit.

Das große coming out der ZAMAN kam mit ihren Berichten über Tatarenmeldungen in den anderen Tageszeitungen. Was man in Deutschland nicht weiß und manche Leute nicht zugeben mögen: In türkischen Zeitungen tummeln sich die Enten. Es sind eben nicht nur solche schlecht recherchierten, sondern vor allem erfundene und zurechtgebogene Falschmeldungen. Mit dem Wirken der ZAMAN mussten sich auch die anderen Zeitungen an das Wahrheitsgebot halten. Sie bereicherte den türkischen Journalismus um die korrekte Anwendung von Syntax und Semantik. Nach der Kulturrevolution wissen die Türken selbst nicht mehr, welche Bedeutung die Worte haben. Hintergrundberichte, Gastbeiträge aus der Wissenschaft, Kulturjournalismus und Service Nachrichten für Familie und Haushalt waren so gar nicht üblich in türkischen Zeitungen, dafür aber für die ZAMAN. Auch trennte sie als erstes türkisches Zeitungsmedium die Meinung vom Bericht. Sie scheute sich nicht vor dem Spagat zwischen Nachrichten aus Deutschland, für die sich die jungen Menschen interessieren und Nachrichten aus der Türkei, welche für die älteren Generationen interessant sind. Die ZAMAN gab Frauen eine Stimme. Ismail Kul stellte über mehrere Wochen seine Kolumne jungen Frauen zur Verfügung, die als unfreiwillige Adressaten von sexueller Gewalt  ihre Gedanken mit dem Leser teilten. Sie schrieben Trauriges, Ergreifendes. Die Identitäten der Frauen wurde geschützt. Das ist ein Novum für eine türkische Zeitung. Dass Kul die jungen Frauen “unsere Mädchen” nannte und sich für ihre Akzeptanz einsetzte, ist in der türkischen Kultur einer Revolution gleich.

ZAMAN baut Brücken

Die ZAMAN baute Brücken zwischen jung und alt, Frau und Mann, deutsch und türkisch, Tradition und Moderne. Selbstverständlich lief nicht immer alles gut. Deutsch-Türken kamen immer gut weg bei der ZAMAN, aber gerade hier hätte ich mir mehr Kritik gewünscht. Bloß wer hätte sie dann noch gelesen? Vielleicht hätten es die Deutsch-Türken auch gar nicht mitbekommen. Türkische Zeitungen haben gegen eine eigentümliche türkische Marotte der Lesefeindlichkeit zu kämpfen. Zeitungen werden gekauft, um Brot darin einzuwickeln, sie als provisorisches Tischtuch(!) zu benutzen oder für tausend andere Zweckentfremdungen. Das ist so schlimm, dass ich “Stoppt die Zweckentfremdung der Zeitung” schreiben musste. Vielleicht war die ZAMAN zu höflich oder zu wohlwollend, doch es ist  nun für alle anderen Beteiligten an der Zeit Selbstkritik zu üben, Nein, konsequent zu betreiben, einzusehen und zu verbessern.

Nun ist es auch an der Zeit Abschied zu nehmen. Der schönen Tage zu gedenken. Dem Hass und Narzissmus zu trotzen und zu hoffen. Danke ZAMAN Familie für euer Engagement für die Wahrheit. Und vielleicht kommen auch Tage, an denen man wirklich frei ist zu sagen, schreiben und lesen was man möchte. Doch heute noch nicht. Vielleicht ein anderes Mal. Belki başka bir zaman.

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