Wochenrückblick: 1Live, Buschkowsky, Obdachlosigkeit

Erschlagen durch den Schwall an Informationen unter der Woche, ist das der Versuch Ordnung ins Chaos zu bringen. Diese Nachrichten haben mich in dieser Woche bewegt.Die Zwischenüberschriften: Einslive unbeliebt im Sektor, Buschkowsky hat die Chance verpatzt, Bundesregierung ignoriert Wohnungslosigkeit, die Journos fetzen sich, Vorschlag für mansplaining: märklären.

EinsLive unbeliebt im Sektor

Warum hat es keine bedeutenden Künstlerinnen gegeben? Das fragte schon die bedeutende Feministin und Kunsthistorikerin Linda Nochlin in den 80er Jahren. Der gleichnamige Essay ist ein Meilenstein für die Kunstgeschichte und für die Frauengeschichte. Die Antwort  darauf ist einfach: Frauen wurde die künstlerische Bildung und Förderung versagt. Unter Förderung versteht Nochlin auch und vor allem Preise und Auszeichnungen. Wenn 1Live also die Preiskategorie für die beste Künstlerin abschafft, reiht sie sich damit in die maskulinistische Tradition des Schweigekartells ein.

Bedeutende weibliche Künstlerinnen gibt es sehr wohl. Aber was bedeutet es Frauen trotzdem nicht auszuzeichnen? Ihre Talente zu verschweigen und so zu tun, als gäbe es sie nicht? Dann blieben ja nur noch Männer übrig, die einem Preis “würdig” sind. Frauen bleiben während dessen unsichtbar oder zumindest unbedeutend. Im feministischen Sektor macht sich 1Live unbeliebt mit einer derlei sexistischen Einstellung. Und bald auch im eigenen. Obwohl 1Live als freshes Jugendmedium gilt, ist der Radiosender deutlich stärker abhängig vom WDR als ze.tt, bento und jetzt.de von ihren “Elternmedien”. Das ist so gar nicht fresh. Meinungen im WDR findet man der Regel eins zu eins bei 1Live wieder. Das gibt ein dickes Minus im Hausaufgabenheft von 1Live.

Buschkowsky hat die Chance verpatzt

Also diesen Mann, Buschkowsky, möchte man die fehlgeschlagene Integration in Person nennen. Wie kann ein Mensch jahrelang Bürgermeister von einem Stadtteil sein, in dem mehrheitlich migrantische Menschen leben und trotzdem ihrer Kultur so fern bleiben? Hat er sich denn gar nicht für die Menschen interessiert? Anscheinend nicht. In einer passiv aggressiven Überreaktion versteift sich der Mensch oftmals auf seine Vorurteile. Buschkowsky hat eine der größten Gelegenheiten in seinem Leben ungenutzt gelassen. Das ist schade, weil er uns auf diese Weise nicht helfen kann gesellschaftliche Fragen anzugehen. Denn er hat sich verschlossen, sich verweigert. Kommunikation ist eine Bereicherung, eine interkulturelle allemal. Buschkowsky hat sich selbst das schlimmste Unding angetan und uns hat er die qualifizierte Fachperson vorenthalten, die er hätte werden können. Schade, für beide Seiten. Und nun verrent er sich in Widersprüche, sagt “Nö” und “Geht nicht” und führt die Debatte in eine Sackgasse, lässt uns als Zuschauer und Zuhörer verzweifelt zurück.

2013 war die Anzahl der Vergewaltigungen in Deutschland höher, als die in Indien. An der Kultur oder Religion der Menschen kann der Grund für Vergewaltigungen und Morde wohl nicht liegen. Jede Kultur, die ich kenne, huldigt der Menschenrechte. Und obwohl die Kulturen und die monotheistischen und die meisten anderen Religionen (schauen wir auf das gesamte Bild) etwas ganz anderes vorschreiben, leben die Menschen teilweise bestialisch. Und mit Verlaub, was das Paar von Höxter unschuldigen Frauen angetan hat finde ich genauso widerlich wie die aktuellen Vorfälle in Hameln, Freiburg und Bochum. Es gibt keine “Lieblingsopfer”.

Bundesregierung ignoriert Wohnungslosigkeit

In Hamburg gibt es mehr Wohnungslose. Die Zahl der Wohnungslosen in der gesamten Bundesrepublik ist seit 2012 um 50% gestiegen. Es wird geschätzt, dass es 39.000 Obdachlose in der BRD gibt. Das Schlimme ist, dass die Bundesregierung die steigende Wohnungslosigkeit ignoriert. Wer über keinen Wohnraum verfügt, der abgesichert ist durch einen Mietvertrag, der gilt als wohnungslos. Für 2018 prognostiziert der Verein einen dramatischen Anstieg auf 536.000 Menschen ohne Wohnung, also um 116%. Die Daten erhebt die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe e. V., auf dessen Schätzungen stützt sich auch die Bundesregierung. Eigene Daten erhebt die BRD nicht und dementsprechend fehlen auch offizielle Zahlen über die Wohnungslosigkeit. Die Regierungen in Frankreich, Spanien, Italien und das Bundesland Nordrhein Westfalen zeigen sich sensibler für das Wohnbedürfnis ihrer Bürger, denn dort gibt es immerhin eine offizielle Statistik zur Situation von Wohnungslosen.

Auf Nachfrage von derFreitag über den Grund für die rasant steigende Wohnungslosigkeit hieß es von der BRD: „Wohnungslosigkeit liegt vielfach nicht in fehlendem Wohnraum begründet, sondern hat in der Regel eine Reihe anderer sozialer und zum Teil auch psycho-sozialer Ursachen.“ Gibt es hier nachzulesen. Die BAG Wohnunghilfe e. V. kritisiert die Haltung der BRD und wirft ihr vor, sich nicht zuständig zu fühlen. Der wachsende Niedriglohnsektor, eine verfehlte Wohnungspolitik und die unzureichende Armutsbekämpfung tragen zum Anstieg der Wohnungslosigkeit bei. Es gab 86.000 Wohnungsverluste im Jahr 2014. Und 33.000 davon waren Zwangsräumungen. Auch Jacob, 65, lebt wegen einer Zwangsräumung nicht mehr in einer Wohnung. Er war Zahntechniker steht in Hinz&Kunzt. Er hätte gerne mal wieder trockene Füße, denn trockene Füße hat er eigentlich nie. In Frankfurt sprach ich mit einem Mann, der auch in keiner Wohnung lebt. Er würde gerne wieder Fernsehen. Den Fernseher vermisst er ganz doll. Ich durfte sehen, wo er sein Essen und seine Getränke versteckt, aber sagen darf ich es keinem. Das habe ich versprochen. Leider habe ich verpasst ihn nach seinem Namen zu fragen.

Die Journos fetzen sich

Immer wenn Journalisten aufeinander losgehen wird es interessant. Das kann auch mal jahrzehntelange Karrieren beenden, wie die von Stefan Raab. Kaum gibt es ein tagesschau-bashing, lassen sich manche Zeitungen mitreißen und schreiben die fiesesten Verrisse in ihrer Rubrik “Medien”. Das ist nicht schlimm. Schlimm ist, dass es stumpf nach der Haudrauf-Methode geht. Kritik an Medien zu betreiben scheitert kläglich, wenn das eigene Ego zu stark mitmischt. Ob die tagesschau nun hätte berichten sollen oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Das hängt unter anderem auch mit dem Zeitfaktor zusammen. Bis ein Vorfall bundesweit Aufsehen erregt, können Stunden und manchmal sogar Tage vergehen. Eine Berichterstattung ist keine Anteilnahme und auch keine Beileidsbekundung. Eine Berichterstattung ist eine Tätigkeit um Geld zu verdienen und wer über Opfer berichtet, verdient Geld aus dem Leid anderer. Das ist leider so. Anders ist es, wenn man einen Nachruf schreibt. Dann zeigt man nicht Bilder von Verletzen und von  blutüberströmten Autoteilen, sondern ein nettes Bild der Person und schreibt liebe Worte.

Vielleicht hätten nicht so viele Leute von Maria L. aus Freiburg gehört, wenn die tagesschau doch darüber berichtet hätte. Doch eins ist klar: Wir junge Frauen sind extrem eingeschränkt in unseren Freiheiten. Ich weiß, dass ein Opfer nicht unbedingt Maria oder Tugce heißen muss, dass es nichts mit der Herkunft von irgendjemandem zu tun hat, sondern jede treffen kann. Hand auf’s Herz, wo waren wir, als diese Frauen tödlich verletzt wurden? Ob eine junge Frau alleine oder mit Freunden unterwegs ist, im Fall eines Übergriffs kann oder will es keiner verhindern und hier sollte angesetzt werden: Bei einem gesamtgesellschaftlichen Verständnis von Frauenrechten als Menschenrechte. Das fehlt. Darum habe ich jetzt auch Angst aus dem Haus zu gehen, wenn es spät ist. Gewalt gegen Frauen ist eines der ältesten Probleme, eine Menschenrechtsverletzung und nimmt weltweit zu. Einer Umfrage nach denken 27% der Europäer, dass Vergewaltigungen unter Umständen gerechtfertigt seien. Und jeder vierte Europäer findet, dass Frauen als Opfer von Vergewaltigung eine Mitschuld hätten.

Vorschlag für mansplaining: “märklären”

Studien haben bewiesen, dass Männer genauso viel sprechen wie Frauen. Darüber hinaus erkären sie Frauen die Welt ganz gerne mal. Ein Sprechakt der zeigen soll: Du Frau bist doof und kannst nicht begreifen. Daher ist mansplaining eines meiner Lieblingsanglizismen, um Diskriminierung zu benennen. Dieses Wort sollte es auch im Deutschen geben. Als deutsches Pendant möchte ich “märklären” vorschlagen. Märklären bezieht sich nicht nur auf Männer, die Frauen in die Rollen der Unmündigkeit drängen wollen, es ist geschlechtsübergreifend verwendbar. Denn auch Frauen meinen Frauen etwas mansplainen zu müssen und um das zu benennen eignet sich märklären. Zudem nimmt es Bezug auf das Mär, also das Märchen. Wer etwas märklärt stellt eine Situation her, in der eine Frau als begriffsstutzig dargestellt werden soll und, dass Frauen alleine aufgrund ihres Geschlechts dumm sein sollen, ist das größte Mär der Weltgeschichte.

Beitragsbild: CC BY-NC-SA Claudio Saavedra

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