Fake News Check des Europaparlaments – Was lief da schief?

Gestern hat das Europäische Parlament ein Video über das Erkennen von Fake News ins Netz gestellt. Auf Twitter gab es dazu bisher nur negative Resonanz. Ist ein Shitstorm im Anmarsch?

Werbung statt Service

Die Hauptkritik der User ist, dass das Europaparlament in dem Video für die gängigen Medien wirbt und anonyme User verunglimpft, obwohl im Tweet versprochen wurde 5 Tipps zu geben. In fast jedem Tipp verweist das Video des Europäischen Parlaments auf die gängigen Medien. Bisher gab es dazu auf Twitter nur negative Resonanz (Stand 4.05.2017, 13:15 Uhr). Die Botschaft des Videos kommt der Aufforderung gleich: “Du brauchst nicht denken, lies die Mainstreammedien. Das reicht dir.” Zwei Kardinalfehler, die immer wieder gemacht werden: Zum Einen gibt der Teaser, in diesem Fall im Tweet, einen Service vor, während das Video Werbung macht und zum Zweiten ignoriert das Video die Bedürfnisse der User nach Wahrheit und unabhängiger Mediennutzung. Die Kritik wäre wahrscheinlich milder ausgefallen, wenn die Pressestelle bereits im Tweet selber auf die gängigen Medien aufmerksam gemacht hätte. Echte Tipps zur Mediennutzung bleiben indes aus.

Meinungen werden wie Tatsachen dargestellt

Die Aufforderung im ersten Tipp “Prüfen Sie auch was andere – zuverlässige – Quellen sagen” setzt voraus, dass sich User ausschließlich aus unzuverlässigen Quellen informieren. Insgesamt stempelt der Oberlehrerton im Video die User als inkompetent in Sachen Mediennutzung ab. In den Gesprächen nach der Veröffentlichung von 10 Kriterien um vertrauenswürdige Artikel zu erkennen, merkte ich, es geht gar nicht nur um Faktenchecks, sondern um Meinungsmache. Im 10 Kriterien Artikel ist auch eine Empfehlung von vielbenutzten Medien genauso wie Blogs, aber vor allem ist die Botschaft, dass man vergleichen soll und sich damit ein Stück weit unabhängig machen kann von fremden Meinungen. Wir können nicht ignorieren, dass Presseagenturen und Zeitungen seit vielen Jahren ein beständiges logistisches Netz und ein Netz an Informanten aufgebaut haben. Sie haben die Informationen zu erst. Als User möchte ich durchaus davon Gebrauch machen und bin bereit dafür zu bezahlen. Dass Medienhäuser ein Sendungsbewusstsein haben und ihre eigene Auffassung von Tatsachen in den Vordergrund rücken, finde ich ist verzerrend und eine Beleidigung der eigenen Leser. Viele Leute sind irritiert, weil Meinungen und Kommentare wie Fakten dargestellt werden (in diesem Rahmen möchte ich auf das Wort “lancieren” verzichten, weil es so inflationär benutzt wurde). Nachrichtenmagazine benutzen reißerische und dramatische Titel, die vor allem eins sind: die Meinung einer Person oder einer Gruppe von Personen. An diesem Beispiel wird das deutlich: Nach dem Türkei-Referendum in Deutschland schrieb der Spiegel von “der Hälfte der Türken”, die für Erdogan gestimmt hat, obwohl 2 Mio. von 3,5 Mio. Türken in Deutschland nicht wahlberechtigt sind und die Wahlbeteiligung am Referendum unter 50% lag. Laut Tagesspiegel haben knapp 450.000 Türken für die Verfassungsänderung gestimmt, das sind nicht so wie der Spiegel schreibt “die Hälfte der Türken” sondern ca. 13% von allen Deutschtürken. Tatsächlich ist es so, dass viele Erdogan-Kritiker türkische Konsulate nicht betreten können, weil türkische Beamte ihre Ausweisdokumente vernichten oder sie Opfer von Gewalt werden können. 

Wenn man das Pseudonym verbietet, nimmt man Opfern von Unrecht die Stimme

Der zweite Tipp besagt, dass jemand, der ein Pseudonym benutzt von vornherein lügt. Das ist falsch. Viele Leute benutzen ein Pseudonym, weil sie zum Beispiel nicht wollen, dass ihr Arbeitgeber liest, was sie im Netz schreiben. Manche Leute haben gar keine andere Wahl als ein Pseudonym zu benutzen, weil sie über das Unrecht und die Korruption in autokratischen Staaten berichten. Mittlerweile kooperieren autokratische Staaten miteinander, um politische Flüchtlinge zu entführen und einander auszuliefern. Wenn man das Pseudonym verbieten würde, dann nähme man den Opfern von Unrecht die Stimme. Auch in diesem Punkt hat die Pressestelle des Europäischen Parlaments kurzsichtig argumentiert.

Im 3. Tipp verweist das Europäische Parlament wiederholt auf “etablierte und respektierte  Medien” als zuverlässige Quelle. Wer sich ausschließlich an diesen Tipp hielte, der würde neuen Zeitschriften, Zeitungen, etc., die sich der Wahrheit und der Pressefreiheit verschrieben haben keine Chance geben. Das steigert wiederum den Konkurrenzdruck auf dem Medienmarkt und verhindert neue Innovationen. Im 4. Tipp rät das Europäische Parlament am besten nichts zu teilen, was es nicht schon in den Medien gab. In den deutschen Medien wird zwar über #FreeDeniz berichtet, selbst das spärlich, aber von vielen anderen Journalisten und ihren Familien lesen, sehen und hören wir gar nichts. Dabei sind diese Menschen der Hexenjagd in der Türkei schutzlos ausgesetzt. Sollen wir etwa nicht über sie berichten? Wäre das nicht eine Pferdeklappe, die wir uns bereitwillig aufsetzen? Und der 5. Tipp widerspricht dem gesamten Video. Vorher wurde vorausgesetzt, dass wir armen User wahr und falsch nicht auseinander halten können und jetzt sollen wir “die neuesten Tricks […] zur Verbreitung von Fake News” melden.

Wenn das Europäische Parlament Videos veröffentlicht, die eine oder mehrere Bevölkerungsgruppen und das aktuelle Geschehen in Europa ignorieren, dann muss es mit dem Vorwurf rechnen volksfern zu sein und Europa nicht im Blick zu haben. 

Hier ist das Video des Europäischen Parlaments

Und hier eine Auswahl an Kommentaren

Quelle des Beitragsbilds: CC Web 2.0 by European Parliament, Flickr.com

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6 thoughts on “Fake News Check des Europaparlaments – Was lief da schief?

  1. Ok, aber du verlinkst doch auch zur Lügenpresse????? Warum???

    1. Hey Tanja,

      gut, dass du fragst. Also erst Mal wäre ich vorsichtig mit politischen Schlagwörtern wie Lügenpresse. Die nutzen nur den Leuten, die sie erfunden haben.

      Verglichen mit anderen Ländern, haben wir in Deutschland eine freie Presse. An der Leitkultur – Leidkultur Debatte haben wir gesehen, wie sich sämtliche Journalisten kritisch auf De Mazière gestürzt haben. In anderen Ländern wird man verhaftet und gefoltert, wenn man Politiker kritisiert. Mehr dazu hier: http://stockholmcf.org/category/press-freedom/

      Ich verlinke auch zu den klassischen Medien, weil wir eine freie Presse haben. Was ich versuche ist vor News Bias zu warnen, also vor einer einseitigen Berichterstattung, zum Beispiel über Minderheiten. Deswegen sollte man immer vergleichen.

      Liebe Grüße
      Merve

  2. Jakob Schneider May 4, 2017 — 12:58 pm

    Was ist der springende Punkt?

    1. Mir ist es wichtig zu zeigen, dass klassische Medien nicht mehr die einzigen Quellen sind, sondern auch Blogs qualitative Informationen anbieten. In dem Video wird aber einzig und allein auf etablierte Medien verwiesen.

  3. Hi Merve,

    wie schön, dass ich deinen Blog gefunden habe. Ich werde jetzt öfter hier lesen. Eine gute Nische, wirklich. Hast du Tipps für Bloganfänger und solche die es werden wollen? Danke für den kritischen Bericht.

    Marleen

    1. Hi Marleen,
      die Freude beruht auf Gegenseitigkeit. Deine Frage nehme ich in den Katalog für das Q/A rein, das bald hier im Blog erscheint. Weitere Fragen kannst du mir gerne über das Kontaktformular zukommen lassen.
      LG Merve

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