Diskussionen, Lesungen und Auszeichnungen – das Programm des Harbour Front Literaturfestival in Hamburg ist vielfältig. Schnell waren die meisten Veranstaltungen ausverkauft. Asli Erdoğan nahm über Skype an der Veranstaltung teil. Safiye Can hat viel gelacht und das Publikum zum Lachen gebracht. Auf der Indiebooknight plauderten drei Verleger*innen aus dem Nähkästchen. Und Laurie Penny ist einfach endlos sympathisch, aber musste trotzdem einen Eklat meistern.

Interview mit Aslı Erdoğan

Das Interview mit Aslı Erdoğan führte Regula Venske, Präsidentin des PEN Zentrum Deutschland. Mit Hilfe eines Beamers wurde das Gespräch auf die Leinwand geworfen. So sah man eine bescheidene Aslı Erdoğan mit freundlichen Augen. Sie bedankte sich bei ihren Leser*innen für die Solidarität. Leider kann sie sich nicht konzentrieren und daher seit geraumer Zeit nicht schreiben. Auf die Frage, was wir hier in Deutschland für Autor*innen tun können, antwortete Aslı Erdoğan: “Ich weiß es nicht. Das ist eine schwere Frage. Aber sie können sich weiterhin an uns erinnern.” Vor und nach dem Interview hat Katharina Schütz aus Aslı Erdoğans Buch gelesen.

Mit viel Spaß und Safiye Can durch den Abend

Safiye Can ist eine ganz besondere Frau. Sie wirkte an dem Abend ihrer Lesung so selbstbewusst und lebenslustig und man muss einfach mitlachen, wenn sie laut lacht und drauflos plaudert wie ein Wasserfall. Viele ihrer Gedichte klingen aus dem Bauch heraus, impulsiv und zielgenau. Wer die Gedichte von Nazım Hikmet mag, wird Safiye Cans Gedichte lieben! Moderiert hat den Abend Daniel Haas von der ZEIT. Man hat gemerkt, dass mit Haas und Can zwei Welten aufeinander treffen und das machte den Abend zu etwas Besonderem, das seinesgleichen sucht. Meist laden Veranstaltungsorganisator*innen ziemlich ähnliche Personen ein, weil sie sich dadurch einen harmonischen Abend erhoffen. Interessanter sind jedoch verschiedene Charaktere.

Die Buchmacher von der 2. Indiebooknight

Auf der Indiebooknight erzählen drei Verleger*innen, wie es ist, wenn man seinen eigenen Verlag führt. Ulrike Ostermeyer vom traditionsreichen Arche Verlag betont, dass Networking wichtig ist und insgesamt eine sehr kollegiale Stimmung unter unabhängigen Buchmachern herrscht. Julia Eisele war zuvor Piper-Programmleiterin bis sie den Eisele Verlag gründete. Sie sagte, dass große Konkurrenz unter den großen Verlagshäusern herrscht und, dass wegen dem Zeitdruck Manuskripte oft über Nacht noch gelesen werden. “Manche Titel waren schon nach wenigen Stunden weg”, sagte Eisele und fügte hinzu: “Es sind ja meist dieselben Titel, die wirklich gut sind und jedem Verlag zugeschickt werden.” Sebastian Guggolz ist der Jungspund der Runde und gründete seinen eigenen Verlag, um auf Wiederentdeckungen aufmerksam zu machen. Alle Verleger brachten je ein Buch mit, aus denen Hans Schernthaler las. Eine Geschichte klebte mir geradezu im Ohr. Dieses Buch musste ich haben. Also erwarb ich es gleich im Anschluss. Und auch eine der Verkäufer*innen hat während der Veranstaltung aus demselben Buch gelesen, eine doppelte Empfehlung also! Im nächsten Post verrate ich, um welches Buch es geht.

Sei keine Pussy, sei eine Bitch!

In ihrem Buch “Bitch Doctrine” macht sie jungen Frauen Mut für ihre Wünsche einzustehen. Gleichzeitig entlarvt Laurie Penny, wie der Zwang liebenswürdig zu sein, benutzt wird, um Frauen auszunutzen. An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass Frauenfeindlichkeit nicht per se von Männern kommt. Auch und gerade viele Frauen sind erbitterte Frauenfeinde, doch dazu kommt mehr in einem zukünftigen Beitrag. Erwartungsgemäß saßen überwiegend Frauen im Publikum, doch auch ein erfreulich großer Männeranteil war dabei. Noch nie habe ich ein Publikum gesehen, dass so begeistert und so liebenswürdig war.

Riss durch das Publikum

Und dann kam der Konflikt. Eine etwas ältere Frau stand auf und unterbrach die Veranstaltung. Sie sagte, dass sie die Veranstaltung nicht verstehe, wenn nur auf Englisch gesprochen wird. Moderatorin Maria Schmidt versprach an geeigneter Stelle zu übersetzen. Als eine Weile keine Übersetzung folgte und von Thema zu Thema gesprungen wurde, sprang die Frau wieder auf. Sie war verärgert. Diesmal forderte sie, dass auch die Ausschnitte aus dem Buch auf Englisch vorgelesen werden sollen. Dem widersprachen andere Besucher*innen. Ein unangenehmes Getuschel fing an. Laurie Penny stand auf und hielt die Hand der Frau, um sie zu beruhigen. Maria Schmidt versuchte es ganz rational mit dem Argument, dass die Besucher*innen Laurie hören wollen und nicht eine Übersetzerin. Schließlich stand die dritte Moderatorin auf, deren Name an dieser Stelle nicht wichtig ist und die nicht auf der Bühne saß. Die unzufriedene Besucherin fertigte die dritte Moderatorin mit harschen Worten ab.

Das Getuschel, die harschen Worte, die Unterbrechung, also das ganze negative Tamtam ist dem Feminismus nicht würdig. Gerade in Hamburg ist das Publikum ungewöhnlich lebhaft. Im Theater und auf englischsprachigen Veranstaltungen will jeder Kennerschaft zeigen und demonstriert das mit Gekicher an rechter und unrechter Stelle. Manchmal stört das so sehr, dass man die Veranstaltung kaum mitverfolgen kann. Dass die Frau auch verstehen und mitlachen wollte, ist verständlich. Verständlich ist auch der Wunsch der anderen Teilnehmer*innen. Aber Getuschel ist nicht verständlich. Getuschel und Geläster sind dazu da Macht auszuüben und Frauen zu unterdrücken und zwar auf eine ganz hinterhältige Art und Weise. Dem sollte man sich bewusst sein.

Preisverdächtig

Der Schwerpunkt des Harbour Front Literaturfestivals bildete dieses Jahr die Türkei und damit die Freiheit des Wortes. Den mit 10.000€ dotierten Klaus-Michael-Kühne-Preis des Festivals erhielt Fatma Aydemir für ihren Debütroman “Ellbogen”. Die Hamburger Illustratorin und Autorin Birte Müller erhielt das 5. Hamburger Tüddelband. Den mit 3.000€ dotierten Preis vergibt das Harbour Front Literaturfestival zusammen mit Schirmherrin Christine Kühne an Kinderbuchautor*innen.

Aktuelle Berichte von mir zum Harbour Front Literaturfestival gibt es auf Kronos News, diesmal auf türkisch.

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